Iss Was!?

Beobachtungen und Gedanken beim Besuch des Mittagstisches im Lutherhaus

„Stell dir vor: Es ist Krieg und keiner geht hin!" In den 70er und 80er Jahren war das ein beliebter Slogan der Friedensbewegung. Damals wie heute ein verlockender Gedanke: Nur noch Frieden, kein Morden mehr, keine Aufrüstung, keiner mehr, der Hunger leiden muss, weil er kein Geld hat. Keine Flüchtlinge, kein Hartz IV; jeder hätte genug zu essen. Dann würde ich wohl nicht hier sitzen, hier beim Iss Was!? Der Einrichtung vor allem für jene, die in der Gesellschaft weit unten stehen und sich vieles nicht leisten können, weil nun mal vieles vom Geld abhängt. „Ohne Moos nix los!" Ein lockerer Spruch mit bitterem Beigeschmack, denn er ist zu einem Selbstverständnis geworden.

Ich sitze hier beim Iss Was!?, genieße meine leckere Erbsensuppe und beobachte die Menschen um mich herum. Da ist der Tisch mit den Frauentischälteren Damen. Dort wird viel gelacht, für sie vielleicht nur ein guter Treffpunkt? Bei mir am Tisch sitzt eine Frau; sie redet die ganze Zeit vor sich hin. Wenn sich unsere Blicke treffen, dann spricht sie mit mir wie mit einem alten Bekannten! Ich höre nur zu, denn gleich ist ihre Aufmerksamkeit wieder weg. Am Nebentisch sitzen einige Männer mit schmalen Gesichtern. Ihre Kleidung ist sauber, aber wohl schon etwas älter, wenn man genau hinsieht. Einer packt sich noch schnell das Würstchen aus der Erbsensuppe ein, wohl für später! Dann noch den Joghurt dazu, man weiß ja nie...

Dirk2Wer hierhin kommt, bezahlt, was er kann; ein Essen kostet 2 Euro! Manche können nicht mal das bezahlen. Dafür zahlen andere mehr. Aber jeder wird gleichermaßen freundlich empfangen von vielen ehrenamtlichen Helfern. Sie geben sich große Mühe, haben immer ein freundliches Wort übrig und ein Lächeln im Gesicht. Sie sind mit Eifer bei der Sache. Einer von ihnen ist Dirk. Er kommt extra jeden Donnerstag aus Dortmund, um zu helfen. Dirk ist selbst schon lange arbeitslos und muss mit der Bahn  anreisen. Das kostet ihn bei einem Tagesticket 16 Euro. Trotzdem gibt er das Geld gern aus, denn hier kann er was Gutes tun, für sich und für andere, das ist es ihm wert!

Ohne Menschen wie ihn, ohne die vielen anderen Frauen, die jeden Montag und Donnerstag mitmachen seit vielen Jahren, könnte das Iss Was!? gar nicht funktionieren. Ihre Hilfe ist unbezahlbar! Aber sie tun es auch nicht für Geld, ihnen geht es um die Menschen. Jesus sagt: "Wo ihr einem andern Menschen etwas Gutes getan habt, da habt ihr Gutes an mir getan!" Und darum sind sie alle hier und helfen so gut sie können.

Wäre es nicht die Not, die viele Besucher hierhin treibt, es würde wie ein Treffpunkt aussehen für Menschen, die einfach die Nähe zu anderen suchen, die Gemeinschaft, die guten Gespräche, das Essen: ein gutes Gesamtpaket! Wenn sie alle einfach so kommen würden ohne diesen Zwang, weil die Not sie zwingt?! Stell dir vor: Es ist „ Iss Was?!" und alle gehen hin!
Zwei Fragen kommen mir zum Schluss in den Sinn. Finden die Menschen nur noch zusammen, wenn die Not groß ist? Und was kann jeder von uns beitragen, die Not zu lindern?

Volker Weber

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