Wie ich meine Babuschka kennenlernte

Soweit ich mich erinnere, habe ich im Jahr 2000 das erste Mal Briefkontakt bekommen zu meiner „Babuschka“, die ein Jahr jünger ist als ich. So war mein letzter Weihnachtsbrief, den das Pastorenehepaar Romanenko aus Nowotscherkassk bei seinem Besuch im November 2015 mitnahm, schon der Brief an eine Freundin. Sie heißt Lidia Burkina. Beide haben wir mehrere Kinder und Enkelkinder, über die wir uns auch gern berichten und Fotos austauschen. Lidia ist allerdings schon lange verwitwet, ich habe meinen Mann Uli zum Glück noch. Einen Absatz des letzten Briefes an Lidia gebe ich hier wieder, denn er löste bei ihr unerwartete Emotionen aus.

Ich schrieb: „Als Kind kannte ich nach dem furchtbaren Krieg einen russischen Soldaten, 1945 nach Kriegsende. Meine Mutter und wir Geschwister wohnten in einem Dorf in Schlesien. Ich war 7 Jahre alt. Der Soldat schenkte mir einmal ein kleines Kreuz. Man hätte es an eine Kette hängen und um den Hals tragen können. Meine Mutter glaubte, dass er bestimmt auch eine kleine Tochter hätte, die er sicher schon lange nicht gesehen hatte. Leider musste die deutsche Bevölkerung Anfang 1946 Schlesien verlassen. Wir kamen in den Westen Deutschlands. Wir durften nur wenig mitnehmen. Das kleine Kreuz blieb auch zurück, aber ich habe schon sehr oft daran gedacht. Vielleicht hat später ein polnisches Kind dieses Kreuz getragen. Schlesien ist ja seit unserer Vertreibung polnisches Gebiet“.

Noch vor Weihnachten 2015 erhielt ich Antwort von Lidia. Am Ende des Briefes schrieb sie:

„Kristinotschka, du hast meine Seele berührt. Mein Vater war auch im Krieg. Am ersten Tag des Krieges hat meine Mutter um 6 Uhr das zweite Kind geboren, meine Schwester Nina. Genau um 6 Uhr kam auch die Nachricht vom Beginn des Krieges mit Deutschland seit 4 Uhr. Einen Monat später wurde mein Vater in den Krieg genommen, und nach einem Jahr geriet er in Gefangenschaft. Es war am 22. Juli 1942, Lagernummer 47597. Ein Jahr später, am 3. 06. 1943 ist er in Gefangenschaft gestorben. Begräbnisstelle Friedhof Zeithain bei Riesa, Grundstück 58, Block I, Reihe 7. Der Name meines Vaters: Kamendrowskij, Nikolaj Fedorowitsch, geboren 1910.“

Betroffen lasen mein Mann und ich die Nachricht und schauten dann im Atlas nach. Riesa liegt eine Autostunde östlich von Berlin. Etwas weit für Leute, die 1937/1939 geboren sind, um dort einfach mal einen Besuch zu machen. Ich fand aber Zeithain im Internet und erhielt auf Nachfrage viele Informationen von der dortigen Gräberstätte, die gepflegt wird und wo in einem Gebäude, in dem früher die Kriegsgefangenen lebten, viele Gegenstände und Schriften aus dieser Zeit aufbewahrt werden. Von dort kam auch die Nachfrage nach einem Foto von Lidias Vater für eine Stele auf dem Gräberfeld, damit die Erinnerungen ganz persönlich wach gehalten werden können. Lidia hat inzwischen direkt von Zeithain aus eine Informationsbroschüre in russischer Sprache erhalten sowie etwas Erde vom Gräberfeld, auf dem der Vater liegt. Und sie schickte mir etwas russische Erde, die ich weiterleitete und die inzwischen in das Gräberfeld eingegeben wurde.

Das ist alles sehr berührend. Lidia schrieb mir, dass sie dankbar ist, dass die deutschen Behörden alles aufgeschrieben haben und auch genaue Auskünfte geben. Und ich stimme dem zu, obwohl ich auf den Fotos der schonungslosen Infobroschüre erkenne, wie völlig unterernährt die Gefangenen dort waren und folglich an Krankheiten starben oder verhungerten. Man möchte am liebsten die Augen verschließen, statt so etwas zu sehen. Lidias Vater wurde nur 33 Jahre alt. Aber durch die Aufarbeitung in der Gedenkstätte Zeithain findet auch seine Geschichte einen ehrenhaften Abschluss, auch für seine Familie.

Vielleicht findet Lidias und inzwischen auch meine Geschichte etwas Interesse bei anderen Babuschka-Freunden. Deshalb habe ich das hier aufgeschrieben.

Christa Weber

Iserlohn, Juni 2016         

 

 

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