"Kirche im Osten" zur Krise in der Ukraine und auf der Krim

Ein Beitrag zur aktuellen Partnerschaftsarbeit von Jutta Stricker, Vorsitzende

Die sog. Krim-Krise erfüllt viele Menschen mit großer Besorgnis. Wie so mancher von Ihnen verfolge ich seit Wochen sehr aufmerksam die Nachrichten. U.a. auch, weil auf dem schmalen Streifen zwischen dem Kaukasus im Süden, der Ukraine im Norden und dem Schwarzen Meer im Westen unsere Partnerstädte liegen: Rostow (Dortmund), Nowotscherkassk (Iserlohn), Taganrog (Lüdenscheid) und Schachty (Gelsenkirchen). Bis in das ukrainische Industriegebiet Donezk, wo es vielleicht den nächsten Konflikt gibt, sind es keine 200 km Luftlinie von Rostow aus. Mit Hilfe der Karte gewinnt man einen Eindruck davon, wie nah alles beieinander liegt.

800px-Asowsches Meer

Quelle http://de.wikipedia.org/wiki/Bild:Asowsches_Meer.jpg *Karte des Asowschen Meeres *vom Kartenserver http://www2.demis.nl/mapserver/mapper.asp {{Bild-PD}} 24 June 2005 de:Benutzer:Chris Furkert   

Über die Krise gibt es die unterschiedlichsten Auffassungen, was Ursachen, Auswirkungen und Bewältigung angeht. Jedes Land blickt darauf aus seiner eigenen Perspektive und mit seinen eigenen Interessen. Als Konsens kann wohl gelten: 1. die Krim ist nicht zurückzuholen, da sind Fakten geschaffen worden. 2. Dies geschah aber auf dem Wege der Völkerrechtsverletzung, indem die Souveränität, Integrität und Selbstbestimmung der Ukraine missachtet wurden. Das Referendum auf der Krim war eine Farce, der Schutz der russischsprachigen Bevölkerung nur vorgeschoben. Darüber kann man nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. 3. Ganz sicher hat aber auch der Westen Fehler gemacht im Umgang mit Russland und der Ukraine. Die Unterstützung der Demokratiebewegung in der Ukraine ist jedoch notwendig.

Ost und West zerren an der Ukraine, locken mit Versprechungen. In dieser höchst angespannten Situation gilt es, einen kühlen Kopf zu bewahren und weiter zu verhandeln. Sanktionen sind keine Strategie, noch können sie als Ersatz für diplomatisches Engagement dienen. Auch wenn Russlands Politik gegen die Ukraine völkerrechtswidrig ist, „muss man sich in den Gesprächspartner hineinversetzen, wenn man eine außenpolitische Beziehung pflegt“ (Armin Laschet in der FAZ v.18.3.14, S. 2). Laschet vermisst eine strategisch langfristig gedachte Außenpolitik in Europa. Die Dämonisierung Putins sei keine Politik, sondern Alibi für das Fehlen einer solchen... Schon vor der Krim-Krise sei die Debatte sträflich auf Phänomene wie den Fall Pussy Riot fokussiert gewesen. Er kritisiert den „marktgängigen Anti-Putin-Populismus“ in Deutschland. Egal, wie man über Putin denke, man müsse mit ihm reden.

Allerdings ist die Menschenrechtssituation in Russland prekär. Willkür und Korruption sind an der Tagesordnung. Wer wie unsere baptistischen Freunde ohne Bestechung leben will, hat oft große Probleme zu seinem Recht zu kommen, angefangen von Behördendiensten über Prüfungen in Schule, Universität oder Fahrschule bis hin zu medizinischen Leistungen.

Man kann sicher auch festhalten, dass der Westen russische Sicherheitsinteressen nicht genügend berücksichtigt und Russland provoziert hat. So sieht sich Russland wohl auf der Krim in einem Stellvertreterkrieg mit EU und Nato um Einflusssphären in Europa. (FAZ v. 1.3.14, S. 1, Kommentar). Für Putin war der Zusammenbruch der Sowjetunion die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts, die korrigiert werden muss. Der Russland-Koordinator der Bundesregierung, Gernot Erler (SPD), hält es für nicht ausgeschlossen, dass sich Russlands Regierung auch über die Krim hinaus Teile der Ukraine sichert. Angesichts der Tatsache, dass die neue politische Führung in Kiew nach Westen strebe, sei es "für Putin die zweitbeste Lösung, wenigstens Teile der Ukraine" für die von ihm geplante Eurasische Union zu sichern. "Insofern ist es denkbar, dass die Krim erst der Anfang ist", sagte er am 17. März 2014, in der Wochenzeitung "Das Parlament".

Dass die NATO sich selbst in eine schwierige Lage manövriert hat, lässt sich wohl nicht leugnen. Ihr konzeptionelles Vakuum gegenüber dem Osten wird wieder deutlich spürbar.

Zu allen strategischen Gesichtspunkten kommt die historisch begründete Furcht der Russen vor revolutionären Ereignissen. Will man Putin wohl, kann man seine autoritäre Politik als Ergebnis der Furcht verstehen, ein freies Spiel der politischen Kräfte würde Russland unweigerlich in ein Chaos stürzen, das so schlimm wäre wie das Land groß ist (FAZ S. 8, 17.3. Putin-Porträt). Von Umbrüchen haben die einfachen Menschen genug, sie waren immer die Leidtragenden, nicht zuletzt des wirtschaftlichen Debakels nach der Perestroika. Und die "Oberen Zehntausend" sind nicht an demokratischer Freiheit interessiert.Volodja2013

Pastor Vladimir Romanenko schreibt: „Bei uns wissen alle, dass eine Revolution nichts Gutes bringt, am wenigsten den Christen. Die Ereignisse in Libyen, dem Irak, Ägypten und Syrien haben das gezeigt“. Seine große Sorge ist zudem, dass die politische Frage auch die Gemeinden spalten könnte.

Wie wirkt sich die Krise auf Russland aus?

Zunächst hat Putin zuhause seinen Ruf als starker Mann gefestigt, trotz der Gegenstimmen, die es dort auch gibt. Die außenpolitischen und ökonomischen Kosten sind jedoch hoch, und das kann auch in einer Autokratie nicht verheimlicht werden. Die Krim wird Russland, dem selbst weder die politische noch die wirtschaftliche Modernisierung wirklich gelingt, wie ein Klotz am Bein hängen. Das schon vorhandene Potential für innere Konflikte in Russland wird deshalb eher zu- als abnehmen. Autokratische Regime neigen in einer solchen Lage dazu, einen äußeren Feind zu entdecken (FAZ Kommentar S. 1, 18.3.)

 

Unsere Reise in die Partnerstadt im Mai

In meiner Darstellung habe ich mir plausibel erscheinende Standpunkte aus den vielen Nachrichten herausgefiltert, um die Lage zu bewerten. Wenn ich auf diese Fragen so ausführlich eingehe, dann geschieht das auch deshalb, weil wir für den Mai eine Reise in unsere Partnerstädte geplant haben und wir uns demnächst entscheiden müssen, ob wir fahren können oder ob das Risiko durch weitere Eskalationen zu groß geworden ist. Es wäre allerdings sehr bedauerlich, wenn der Besuch bei den Gemeinden ausfallen müsste, denn der persönliche Kontakt zu den Geschwistern ist so wichtig. Gerade die Protestanten brauchen diese Stärkung. Es gibt eben nicht nur die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen unseren Ländern. Und am Ende würden wieder die Ärmsten der Armen für die Auswirkungen der Politik bezahlen müssen. Die Visa sind beantragt worden. Nach Ostern wissen wir, ob wir sie erhalten. Danach bleiben uns noch 2 Wochen, um die Entwicklungen abzuwarten. Unsere russischen Freunde sagen, dass alles ruhig sei in ihrer Stadt, dass wir ohne Sorgen kommen könnten.

Wir bitten Sie herzlich, mit uns für eine friedliche Lösung des Konfliktes zu beten, auch für die richtige Entscheidung bzgl. der Reise und um Weisheit und Schutz für die nicht-orthodoxen Christen in Russland und der Ukraine.

 Was gibt es Neues aus den Partnerstädten?

zugeweht KopieEin später, aber heftiger Winter hat den Menschen in Südrussland arg zugesetzt, teilweise war die Versorgung unterbrochen. Minus 28 Grad und hoher Schnee bewirkten, dass z.B. die Schulen eine Woche geschlossen blieben. Nicht alles war mit Humor zu nehmen. Wer keine Toilette im Haus, sondern auf dem Hof hat, war besonders arm dran. Unsere Freunde schrieben uns, dass ihnen trotz aller Vorsorge die Kartoffeln erfroren sind, und dass sie noch mehr Angst um ihre Wasserleitungen hatten.

Treppenhaus Kopie

Und 2014? Mit Gottes Hilfe und Dank Ihrer Spenden führen wir unsere Projekte fort, neben der Aktion Babuschka sind das die Unterstützung für bedürftige Familien, der Medizinfonds sowie die Oster-Geschenk-Aktion für das Altenheim und die Waisenhäuser.

Nun bereiten sich auch in Russland die Gemeinden auf Ostern vor, das in diesem Jahr mit unserem Datum zusammenfällt. Dank der Internetverbindung sind wir stets gut informiert und erhalten viele Bilder.

Wie immer möchte ich meinen Rundbrief nutzen, um Ihnen allen von ganzem Herzen für Ihre  Unterstützung  zu danken und auch die große Dankbarkeit der russischen Geschwister zum Ausdruck zu bringen. Nach wie vor können wir 200 Babuschka-Patenschaften aufrechterhalten. Das scheint angesichts des riesigen russischen Landes wie ein Tropfen auf den heißen Stein zu sein und ist doch 200 Mal eine spürbare Hilfe und ein Hoffnungszeichen im hohen, entbehrungsreichen und oft einsamen Alter.

 

Schneemanner Kopie

Die Freunde aus Nowotscherkassk und Taganrog lassen vielmals grüßen!

Sie wünschen uns von Herzen ein gesegnetes Osterfest.
Christus ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden!
Христос воскрес - во истину воскрес!

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